Katzen leiden still – FORL, eine unterschätzte Erkrankung

 

von Jonathan Müller-Tiburtius, Assistenztierarzt in der Tierarztpraxis Dr. Wiencierz in Ratzeburg

 

 

In einer meiner ersten Nachtschichten als Assistenztierarzt, ist mir etwas Unschönes passiert. Ein aus der Narkose erwachter Kater biss mich tief in meine linke Hand. Die sich anschließende Operation, war schmerzhaft und der Wissenszuwachs belief sich auf: „Katzenbiss ist Krankenhaus.“

Heute ziehe ich aus dem Biss die Erkenntnis, dass der Kater vermutlich gesunde Zähne hatte, denn er konnte mich beherzt beißen und gehörte damit zur einen Hälfte der Hauskatzenpopulation. Die andere Hälfte leidet im Laufe ihres Lebens an einer hochgradig schmerzhaften Zahnerkrankung mit dem sperrigen Namen FORL (engl: feline odontoclastic resorptive lesion) und beißt mit dieser Krankheit sicher nicht mehr so beherzt zu. Hinter diesen Buchstaben verbirgt sich eine regelrechte Volkskrankheit der Katzen, die von Fachtierärzten treffend wahlweise als Sargnagel oder als Geißel der Katze bezeichnet werden.

 

 

FORL - Feline odontoklastische Resorptivläsionen

 

Zum ersten Mal wurde diese äußerst schmerzhafte Erkrankung zu Beginn des letzten Jahrhunderts registriert, für unwichtig befunden und erst am Ende des Jahrhunderts erkannte man ihre klinische Relevanz. Schnell fand man dieselben Anzeichen auch bei anderen Katzenartigen, seltener beim Hund und sehr selten auch in Menschenmündern. Sucht man nach Ursachen, lassen sich viele wahrscheinliche Auslöser finden. In Verdacht stehen chronische Entzündungen, Infektionen mit Viren, übermäßige mechanische Belastung aber auch Autoimmungeschehen. Als wahrscheinlichster Auslöser gilt aktuell eine Störung im Calciumhaushalt aus.

Auch wenn der präzise Auslöser unbekannt ist, so ist der der Ablauf der FORL bekannt. Es kommt zunächst zu einer Aktivierung ruhender Zellen, die sich im Folgenden zu sogenannten Odontoklasten, knochenfressenden Zellen, entwickeln und meist zunächst mit dem Abbau der nicht einsehbaren Zahnwurzeln beginnen, so dass das Zahnfleisch den Beginn der Krankheit verdeckt und auch für den Tierarzt unsichtbar macht. Erst im weiteren Verlauf der FORL, kann es auch im Bereich der Zahnkrone zu Veränderungen und Auflösung kommen und erst ab diesem späten Zeitpunkt sind Läsionen des Zahnes auch ohne Röntgenblick sichtbar.

Unterschieden werden diese Veränderungen der Katzenzähne in zwei Typen und eine Mischform. Typ eins zeichnet sich durch ein hochgradiges Entzündungsgeschehen mit deutlich lädierten Zähnen und angegriffenem und gerötetem Zahnfleisch aus. Die Röntgenaufnahmen zeigen deutliche Löcher ohne Ersatz des verloren gegangenen Zahnanteils. Typ zwei entsteht ohne auffällige Entzündung der Maulhöhle und ein Röntgenbild zeigt den Ersatz der resorbierten Zahnanteile durch knochenartiges Material.

 

Katzenlesen leicht gemacht, oder welche Symptome zeigt eine Katze mit FORL?

Zu Beginn sind die meisten Stubentiger zumeist völlig unauffällig und ohne Hinweise auf Zahnschäden. Erst wenn Defekte in Kontakt mit den verschiedenen Bakterienspezies der Maulhöhle kommen, zeigen sich Anzeichen extremen Schmerzes. Anders als bei der Karies des Menschen, kommt es nicht zu Schutzreaktionen des Zahns, sondern zu einem ungeschützt freiliegenden Zahnnerv in der Maulhöhle.

Haben wir Menschen Zahnschmerzen, können wir dies meist Kundtun, unsere Katzen zeigen häufig nur wenig eindeutige Symptome. So kommt es häufig zu Verhaltensänderung im Allgemeinen oder im Speziellen beim Fressen kommen. Futter wird beispielsweise angefressen und plötzlich wieder fallen gelassen. Es kann zu Maulgeruch, Speicheln und Zähneknirschen, Aufschreien, Nervosität oder Aggressivität kommen, ausgelöst durch eine winzige Läsion am kleinsten Zahn im Maul.

Schafft man es als Besitzer einen Blick in das Maul seines Tieres zu werfen, erwarten einen häufig alle Stärken der Zahnfleischentzündung, Zahnfleischwucherungen, abgebrochene oder Zähne mit großflächigen Defekten oder gar gammelnde Zahnfleischkrater.

 

Vorbeugen, Heilen oder doch nur Lindern?

Da kein eindeutiger Auslöser gefunden werden konnte, ist es schwierig diese Erkrankung zu verhindern und auch eine Heilung ist nur bedingt möglich. Daher ist prophylaktisch eine möglichst gute Maulhygiene einzuhalten um die Entstehung von begünstigenden Entzündungen zu verzögern oder sogar zu verhindern. Auch sollten die inneren Alarmglocken jedes Besitzers läuten, wenn es zu Inappetenz eines kränkelnden Tieres in Verbindung mit auffallenden Entzündungen in der Maulhöhle kommt. Ein Gang zum Tierarzt kann ihrer Katze viele schmerzhafte Stunden ersparen.

 

Bei Vorstellung des Patienten ist eine genaue Untersuchung aller Strukturen der Maulhöhle in Kombination mit Entfernung aller Beläge und des Zahnsteins unumgänglich, um sich ein präzises Bild zu machen. Eine definitive Aussage zum Vorliegen von tief liegenden Defekten lässt sich erst mittels Zahnröntgen machen. Aufgrund der Wehrhaftigkeit der kleinen Patienten und vor allem der Schmerzhaftigkeit der erkrankten Zähne, ist für diese Untersuchung eine Narkose erforderlich, zumal eine sich häufig anschließende Behandlung, diese ohnehin nötig macht.

 

Zur Therapie selbst gab es bisher verschiedene Ansätze. Ein wenig erfolgreicher Ansatz, war das Füllen der Defekte, analog zur menschlichen Karies. Ein zweck- wie erfolgloses Unterfangen, da der Verlust der Zahnsubstanz hiermit nicht verhindert werden konnte. Eine erfolgreichere und zumindest die chronische Entzündung und die Schmerzhaftigkeit unterbindende Methode ist die radikale Entfernung aller betroffenen Zähne. Da der Zahn selbst die Entzündungsursache und Schmerzgrund ist, ist zwingend auf eine komplette Entnahme aller Zahnanteile, insbesondere der sehr tief sitzenden Wurzeln zu achten, da es sonst nicht zu einem Abheilen der Maulhöhle kommen kann. Eine Erfolgskontrolle ist hier wieder nur mittels Zahnröntgen möglich. Lediglich im Falle einer FORL Typ 2 ist ein Absetzen der Krone Mittel der Wahl, erfordert aber eine regelmäßige röntgenologische Nachkontrolle, um im Falle fortschreitender Veränderungen auch hier die Reste der Wurzel zu entfernen.

 

Für den Verdachtsfall bietet es sich an, röntgenologische Diagnose und Behandlung in einer Narkose zu kombinieren, um die Belastung des Tieres so niedrig wie möglich zu halten. Eine gut geführte, belastungsarme Inhalationsnarkose ist zeitgemäß, da die Entfernung von betroffenen Zähnen häufig längere Zeit in Anspruch nimmt um sie vollständig und gewissenhaft auszuführen. So ist es fast immer nötig das Zahnfleisch abzulösen und das Zahnfach zu eröffnen, um alle Teile der Wurzel zu entnehmen. Eine Wundnaht mit selbst auflösendem Faden über den leeren Zahnfächern erleichtert die Heilung des Faches und verhindert das Anheften von Futterresten. Kommt es im schlimmsten Fall zu einer Totalresektion aller Zähne, können Katzen auch ohne oder mit wenig Zähnen ihre Nahrung aufnehmen und der Zustand der Zahnlosigkeit stellt in jedem Falle eine im Sinne des Tierschutzes erfolgte Verbesserung zu vorherigen Zustand dar.

 

Ein Fazit, für Patienten, Besitzer und Tierarzt

 

FORL beginnt unsichtbar und ohne Einzelzahnröntgenaufnahmen lässt sich über die Zahngesundheit einer Katze nur rätseln. FORL ist so schmerzhaft, dass viele Katzen das Fressen einstellen oder zumindest still leiden und ein dem Tierschutz entgegenstehendes Leben führen. Leider lässt sich FORL nicht heilen und die Zahngesundheit nicht wiederherstellen, eine radikale Entnahme aller Zähne stellt zumindest ein schmerzfreies Leben mit guter Lebensqualität sicher und ist aktuell Therapie der Wahl. Da sich diese Erkrankung bis heute nicht verhindern lässt, ist weitere Forschung dringende nötig.


 

Liebe Katzenhalter, es lohnt sich! Es geht nicht nur um verunfallte Katzen, sondern auch um das Erkennen lebensbedrohlich krankheitsbedingter Symptome/Situationen, Gefahren im Haushalt, Ernährung usw.. Dr. Wiencierz, Tel. 04541/8026151